Hamburg – Rotterdam – Tilbury – Santa Cruz de Tenerife (I)

Unter dem Titel „Vor der Frachtschiffreise (I-III)“ hatte ich bereits über die Vorbereitungen für die Fahrt in mein Winterquartier auf Teneriffa berichtet. Mittlerweile ist die Reise absolviert und ich bin um eine grandiose Erfahrung bereichert. Von bilderbuchmäßigen Sonnenuntergängen, verspielten Delfinen und orkanartigem Sturm mit Windstärke 11 in der Biscaya war alles dabei. Aber der Reihe nach.

Fahrt mit „OPDR Tanger“ 29.09. – 08.10.2015

Das Schiff

Die „OPDR Tanger“ ist ein typischer Feeder aus einer ganzen Reihe von Neubauten, die für die traditionsreiche „Oldenburgisch-Portugiesische-Dampfschiffs-Rhederei“, kurz OPDR genannt, in China aufgelegt wurden. Das 2008 in Dienst gestellte Schiff fährt wie üblich ausgeflaggt unter zyprischer Flagge, fiktiver Heimathafen ist Limassol. Das Schiff ist 130 m lang, 21 m breit und trägt bis zu 700 TEU (Standardcontainer) im Short-Sea-Service zwischen Nordeuropa – Kanaren – Nordafrika – Südspanien und Portugal. Ein Umlauf Hamburg/Hamburg dauert etwa drei Wochen.

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Die „OPDR Tanger“ vor den Toren Londons im Hafen von Tilbury.

Die Reise

Die seit einigen Monaten zum französischen Reedereikonzern „CMA CGM“ gehörende Reederei „OPDR“ hat unter Frachtschiffreisenden einen guten Ruf und die Besatzungen sind an mitreisende Passagiere gewöhnt. Die Aufnahme an Bord war aufmerksam und sehr freundlich. Gleich welche Fragen ich hatte, man stieß nur auf offene Ohren und interessierte Gesprächspartner. Wie heißt es so schön bei eBay und Amazon: gern wieder.

Meine gebuchte Teilstrecke führte von Hamburg über Rotterdam und Tilbury nach Santa Cruz de Teneriffa. Normalerweise ist die Fahrt mit acht Tagen veranschlagt, kann sich aber bei schlechtem Wetter oder mit dem einen oder anderen zusätzlich anzulaufenden Hafen auch verlängern.

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Einschiffung

Fahrten mit Frachtschiffen werden in der Regel nicht von Reedereien angeboten. Spezialisierte Vermittler schlagen die Brücke zwischen dem Reeder, für den die Beförderung von Passagieren nur ein kleines Zubrot darstellt, und den interessierten Fahrgästen. Die Preise für Fahrten mit Frachtschiffen werden nach Tagen berechnet und liegen meist zwischen 90 und 120 EUR/Tag, selten darüber oder darunter. Hinzu kommen die Kosten für eine vom Reeder zulasten des Passagiers obligatorisch abgeschlossene Deviationsversicherung und die individuellen An- und Abreisekosten zu den Häfen sowie eine Krankenversicherung.

Für eine Frachtschiffreise braucht man viel Flexibilität, nicht nur zeitlich. Den vor Monaten abgeschlossenen Beförderungsvertrag unter Nennung von Schiff, Abreise- und Ankunftsdatum sollte man als verbindlich betrachten, die Daten aber als vorläufig freibleibend ansehen. Eine gebuchte Reise kann verkürzt, verlängert, verschoben oder auch ganz abgesagt werden. Für meine Reise änderte sich das Schiff, das Abreisedatum um eine Woche und wegen Schlechtwetters in der Biscaya die vorgesehene Reisedauer.

Einige Tage vor dem geplanten – und ggf. auch zuvor schon abgeänderten – Abreisetermin wurden Einschiffungstermin und -ort vom Vermittler telefonisch durchgegeben. Aber auch danach noch kann sich kurzfristig etwas ändern.

Als Handreichung hat mein Vermittler schon mit Vertragsschluss sehr nützliche schriftliche Informationen mit Tipps und Hinweisen für Frachtschiffreisen zur Verfügung gestellt. Darin enthalten auch Erläuterungen zum Einschiffungsprozedere, zur Anfahrt, Parkmöglichkeiten, wo melden etc.

Am Schiff angekommen wird man an der Gangway vom wachhabenden Decksmann in Empfang genommen. Die Personalien werden in ein Besucherbuch eingetragen und ein Bordpass ausgestellt, der während der Reise an Bord sichtbar zu tragen ist. Der Koffer wird auf die Kammer gebracht; angesichts der engen Treppenhäuser an Bord und in Anbetracht der Schwere meines Koffers ein toller Service.

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Vom Leben an Bord

Allgemein

Als Passagier an Bord eines Frachtschiffes hat man den Traumjob schlechthin. Und niemand stört sich daran, Hauptsache, man steht nicht im Weg. Während der Arbeiten im Hafen sollte man allerdings Zurückhaltung üben und sich auf Schiff und an Land auf geschützte Plätze mit einer guten Übersicht beschränken. Das Tragen von Warnweste und Schutzhelm ist am Kai üblich. Beide befinden sich mit der Schwimmweste im Schrank der Kammer. Das Fotografieren von Hafenanlagen ist nicht überall erlaubt, in manchen Ländern gar ein Straftatbestand.

Sicherheitsunterweisung

Am ersten Seetag wurde die obligatorische Sicherheitsunterweisung durchgeführt, eine halbstündige Einzelveranstaltung mal ganz anders als mit zeitgleich 3.000 bis 4.000 Passagieren auf Kreuzfahrern. Und sehr viel tiefer gehend. Mir wurde erläutert, dass man an Bord der „OPDR Tanger“ einen familiären Umgang pflege. Damit ist gemeint, dass auf Sicherheitskontrollen wie auf Kreuzfahrtschiffen üblich gänzlich verzichtet wird; das gilt auch für Besucher. Darum durfte mein Jüngster und Freundin mich bei der Einschiffung begleiten und sich an Bord ein wenig umsehen. Das ist nicht der Standard.

Die Alarmsignale und deren Bedeutung wurden erläutert, die Fluchtwege, Notbeleuchtung und Sammelpunkt auf dem A-Deck (1. OG) gezeigt. Das Schiff ist mit Rettungsinseln und einem Freifall-Rettungsboot mit 19 Plätzen ausgestattet. Das fast fensterlose Boot ist etwa 6 – 8 Meter über der Wasserlinie am Heck des Schiffes 45 ° geneigt verankert.

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Jede Person hat in dem Rettungsboot einen ganz bestimmten Sitzplatz – meiner war die Nummer 4. Im Notfall wird das Rettungsboot durch eine Tür im Heck zügig bestiegen. Der vorgegebene Platz wird eingenommen und man schnallt sich mit einem Vielfach-Gurtsystem fest an, um den Aufprall nach dem freien Fall aus 6 bis 8 Metern Höhe unbeschadet zu überstehen. Der kommandierende 2. Offizier hat seinen Platz erhöht am Ende des Bootes an einem kleinen Steuerstand, von wo aus das Boot mit einem Motorantrieb manövriert werden kann.

Das Schiff nimmt teil an der Kampagne „Gegen Alkohol und Drogen“, die das Verbringen und den Genuss von alkoholischen Getränken und Drogen an Bord strikt verbietet. Tests bei begründetem Verdacht und nach Landgang sind üblich und führen bei positivem Ausgang (Grenzwert o,o4 ‰ !!!) zu drakonischen Maßnahmen. In der Freizeit an Bord erlaubt ist allein Bier mit einem Alkoholgehalt von max. 6 % unter Berücksichtigung des Beginns der nächsten Dienstzeit.

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Verbotszonen an Bord der „OPDR Tanger“ gibt es nicht. Rauchen ist auf Poop-Deck (Hochparterre) und Kammer erlaubt und das Tragen eines Schutzhelms im Ladungsbereich vorgeschrieben, am Kai zusätzlich eine Warnweste.

Spiegelbild-Selfie im Bullauge    

Die Sicherheitsunterweisung endete mit Hinweisen zur Mülltrennung. Ein Protokoll der Unterweisung war vom 2. Offizier und mir in jedem Einzelpunkt mit Kurzzeichen abzuzeichnen und insgesamt zu unterschreiben.

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(Fotos: © eigene Fotos)
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2 Antworten zu Hamburg – Rotterdam – Tilbury – Santa Cruz de Tenerife (I)

  1. leonieloewin schreibt:

    Danke für den überaus interessanten Bericht. Wenn Hunde an Bord erlaubt wären, könnte ich mir eine solche Reise gut vorstellen. Liebe Grüße Leonie

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